Warum wir nicht wählen

Übersetzung eines Textes der neuseeländischen Arbeiterbewegung AWSM, via anarkismo.net

Das Recht auf demokratische Wahlen wird als eine notwendige Voraussetzung für Freiheit auf der ganzen Welt gesehen. Menschen haben für das Wahlrecht gekämpft und sind dafür gestorben. Frauen auf der ganzen Welt haben erbitterte Kämpfe für ihr Recht zu wählen geführt. Warum also stellen wir dieses Recht in Frage?Als Anarchisten unterscheiden wir uns von vielen anderen unter anderem unsere Entschlossenheit, Politik außerhalb der parlamentarischen Arena zu betreiben. Wir sind gegen die Stimmabgabe bei Wahlen. Diese Haltung wird oft nicht verstanden. Wir haben diesen Artikel geschrieben, um unsere Position zu erklären.

Der gesamte Wahlzirkus soll uns in dem Glauben bestärken, unsere Stimme sei nicht nur wichtig, sondern die Wahlentscheidung sei eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir überhaupt treffen können. Das Wählengehen ist für viele dermaßen heilig, daß die bloße Erwähnung des Nichtwählens ausreicht, um Empörung hervorzurufen.

“Solange wir Kapitalismus und Regierung haben, ist es die Aufgabe der Anarchisten, beides zu bekämpfen und gleichzeitig die Menschen zu ermutigen, die Schritte zu unternehmen, die sie unternehmen können, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.” Vernon Richards "Anarchists and Voting", S. 176-87, The Raven, Nr. 14, S. 179

Der Wahlkampf sorgt dafür, daß eine ganz bestimmte Perspektive auf die Gesellschaft vorherrschend wird. Alles, jegliche politische Idee, wird unter dem Gesichtspunkt der staatlichen Intervention und der Befolgung der Entscheidungen der Führer gesehen. Jedoch hat sich genaus das stets als tödlich erwiesen für die Selbstverwaltung, die Selbsthilfe und den Geist der Revolte - die eigentlichen Schlüssel, um eine Gesellschaft zu verändern. Anarchisten argumentieren, daß Politik nicht etwas sein darf, was andere im Namen der Arbeiterklasse diskutieren. Politik soll keine spezialisierte Tätigkeit sein, die in den Händen der so genannten Experten (also der Politiker) liegt, sondern sie soll in den Händen derer liegen, die im Prozess der Partizipation, der direkten Aktion und der Selbstverwaltung direkt davon betroffen sind. Diejenigen, die irgendwelche “politischen” Schlussfolgerungen in die Wahlpolitik kanalisieren, verzerren die Diskussionen nur in etwas, was innerhalb des gegenwärtigen Systems möglich ist. Ist es angesichts dessen verwunderlich, daß Anarchisten argumentieren, daß das Volk “seine Macht getrennt vom und gegen den Staat organisieren muss”? [Bakunin, The Political Philosophy of Bakunin, S. 376]

Wir haben einige hitzige Debatten mit Menschen geführt, die uns vorwerfen falsch zu liegen, wenn wir den Wahlzirkus ignorieren. Je näher wir uns dem Wahltag nähern, desto häufiger und hitziger debattieren wir dieses Thema.

Man sagt uns: “Wenn du nicht wählst, hast du auch kein Recht, dich über das Ergebnis zu beschweren” - wir aber halten das Gegenteil für wahr. Es sind diejenigen, die gewählt haben, die den Regeln zugestimmt haben und sich somit damit einverstanden erklärt haben, sich von den Wahlgewinnlern regieren zu lassen, die sich nicht beschweren dürfen. Wir, die wir nicht teilnehmen, haben mehr als alle anderen das Recht, uns über das Ergebnis zu beschweren.

Uns wird gesagt, daß die Realität nun mal so aussieht, daß Abstimmungen die Dinge ändern, aber auch das bestreiten wir. Eine Abstimmung vermittelt der Bevölkerung die Illusion einer Veränderung, während sie tatsächlich nur das gegenwärtige System stärkt. Eine bestimmte Politik mag sich hier und da in Nuancen ändern, die Gesichter mögen sich ändern, aber das System einer wohlhabenden Minderheit, die eine ärmere Mehrheit regiert, bleibt sicher bestehen. Man erzählt uns immer wieder, daß die Stimmenthaltung nur den Rechten zum Wahlsieg verhilft, und daß es besser ist, wenn wenigstens das kleinere Übel gewinnt. Das mag möglicherweise der Fall sein (auch wenn wir davon noch überzeugt werden müssen), aber warum sollten wir unsere Gesellschaft auf dem Kompromiss des Schlechten mit dem Bösen gründen? Tatsächlich wird die ach so fortschrittliche Linkspartei, die du wählen wirst, recht oft bereit sein, die gleichen Maßnahmen zu ergreifen, wie eine rechte Regierung, wenn es darum geht, uns arbeitnehmerfeindliche Entscheidungen aufzuzwingen (wie wir in diesem Aufsatz zeigen werden, hat der Staat eine korrumpierende Wirkung selbst auf diejenigen, die mit Prinzipien in die Politik gehen). Es sollte doch einen besseren Weg geben. Wir sagen, daß dieser Weg darin besteht, die Regierung in all ihren bestehenden und potentiellen Formen abzubauen.

Der größte Teil des linken Flügels in Aotearoa und eine ganze Reihe von Menschen, die sich als Anarchisten identifizieren, werden bei den bevorstehenden Wahlen reformistische Parteien unterstützen. Man wird sie Dinge sagen hören wie “wählt Labour (oder Green), aber ohne Illusionen” oder “wählt Labour/Green, aber baut eine sozialistische Alternative auf”. Die Slogans, die sie rufen, spiegeln nur die Idee wider, daß Veränderungen von einer kleinen Zahl von Elitepolitikern herbeigeführt werden können und sollten. Hier bei AWSM sagen wir solche Dinge nicht. Es gibt viele Probleme mit unserem demokratischen Wahlsystem, die wir hier beschreiben werden, aber als Anarchisten müssen zuallererst einmal feststellen, daß das Wählen gegen unsere antistatischen und antihierarchischen Prinzipien steht, und wir sehen den Wahlkampf als konträr zu unseren Zielen und unserer Praxis an. Er bestärkt die Idee, daß die Gesellschaft in Befehlsgeber und Befehlsempfänger gespalten ist. Der berühmte französische Anarchist Elisee Reclus hat es gut ausgedrückt, als er sagte:

"Alles, was über das Wahlrecht gesagt werden kann, lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Wählen bedeutet, die eigene Macht aufzugeben. Einen oder mehrere Herren zu wählen, für eine lange oder kurze Zeit, bedeutet, auf seine Freiheit zu verzichten. Anstatt die Verteidigung Ihrer Interessen anderen anzuvertrauen, kümmern Sie sich selbst um die Angelegenheit. Anstatt zu versuchen, Berater zu wählen, die Sie bei zukünftigen Aktionen anleiten, tun Sie die Sache selbst, und zwar jetzt! Wählen Sie nicht!"Elisee Reclus

Bevor wir nun weitermachen ist es uns wichtig klarzustellen, daß wir als Anarchisten nicht nur gegen das Wählen sind, sondern wir sind für die Demokratie.

Gegen was wir allerdings sind, ist ein System, das uns erlaubt, alle paar Jahre ein Kästchen für Kandidaten anzukreuzen, welche für uns ausgewählt wurden, wir sind gegen Politiken, die für uns ausgewählt werden, die diejenigen, die die meisten Kreuzchen erhalten haben legitimiert, Entscheidungen zu treffen, die unser Leben in jeder Hinsicht beeinflussen. Ein Großteil unserer so genannten “Demokratie” ist gefälscht und undemokratisch, wie es viele Hunderttausende Kiwis verstehen, die nicht wählen gehen. Einmal gewählte Politiker haben keine Gewissensbisse, ihre Wahlkampfversprechen nicht einzuhalten. Sie können und tun so ziemlich alles, was sie wollen, weil wir nicht die Macht haben, sie vor der nächsten Wahl abzusetzen, um dann wieder eine Flut von Versprechen zu erhalten, die nicht eingehalten werden müssen und meistens auch nicht eingehalten werden. Dies als Demokratie und als repräsentativ für unsere Forderungen zu bezeichnen, ist eine eklatante Lüge.

Um also weiterzumachen: Wir betrachten die Stimmabgabe bei Regierungswahlen als eine von Natur aus autoritäre Tätigkeit, aber autoritäre Mittel können niemals libertäre Ergebnisse hervorbringen. Nach den Worten Emma Goldmans

"bedeutet die Teilnahme an Wahlen die Übertragung des eigenen Willens und der eigenen Entscheidungen auf einen anderen, was im Widerspruch zu den Grundprinzipien des Anarchismus steht".Emma Goldman, Vision on Fire, S. 89

Schon der Akt des Wählens ist ein Versuch der Wähler, die Macht an eine andere Person zu delegieren. Während Staaten verschiedener Art ihren Bürgern einige Dienstleistungen und Vorteile bieten, unterhält und nutzt die Regierungsinstitution auch die Polizei, die Gerichte, das Gefängnis, das Militär usw., um sich zwangsweise in das Leben ihrer Untertanen einzumischen. Es ist eine anarchistische Grundüberzeugung, daß der Einzelne nicht die Autorität haben sollte, andere zu zwingen. Deshalb sollte er sich auch nicht in die Lage versetzen, diese Autorität an andere zu delegieren, was aber wiederum das Wesen einer Abstimmung ausmacht.

Als Anarchisten argumentieren wir, daß niemand, ob innerhalb oder außerhalb der Regierung, eine solche Macht haben sollte. Wir argumentieren, daß Anarchisten, die gegen politische Macht und Zwang jeglicher Art sind, nicht für die Teilnahme an nationalen Wahlen eintreten und zugleich den Prinzipien des Anarchismus treu bleiben können. Dies ist ein System, welches uns in eine Mehrheit spaltet, die von einer winzigen Minderheit regiert wird, und welches es erlaubt, daß Macht, Reichtum und Privilegien immer mehr in den Händen dieser Minderheit konzentriert werden kann. Der Staat ist kein neutrales Organ, das von allen Klassen der Gesellschaft zum Schutz ihrer Interessen benutzt werden kann, sondern er ist ein Instrument der Klassenherrschaft, das dazu dient, den Reichtum und die Macht der herrschenden Klasse zu schützen, ihre Eigentumsrechte und ihre Autorität durchzusetzen.

Wir glauben, daß das, was uns als Demokratie angeboten wird, eine Farce ist, eine Diktatur des Kapitals, ohne echte Wahlmöglichkeit. Noch schlimmer ist, daß diese Form der Demokratie die Illusion vermittelt, wir, das Volk, hätten die Macht, die Gesellschaft zu verändern und gleichzeitig zu stärken. Kein Wunder, daß sich alle Politiker in einem Punkt einig sind - daß wir unbedingt abstimmen sollten. Sie wollen, daß wir den Prozess, durch den sie erst ihre Position erlangen, sanktionieren, denn ohne diese Sanktionierung haben sie keine Legitimität. Es ist dieser Legitimitätsanspruch, den sie nutzen, um jegliche Handlungen von unterdrückten oder marginalisierten Gruppen außerhalb des Parlaments als unrechtmäßig abzutun. Bevor du deine Stimme abgibgst, denke daran, daß jegliche Regierungshandlung begrenzt ist - eine Wahl zu gewinnen bedeutet eben nicht, die Macht zu übernehmen. Die eigentliche Entscheidungsfindung findet in den Vorstandsetagen von Unternehmen statt, nicht im Parlament. Politische Parteien, selbst in einer Mehrheitsregierung, können nur das tun, was der Kapitalismus ihnen erlaubt. Das einzige Argument der Politiker ist, den Kapitalismus “freundlicher” zu gestalten, aber wir bei AWSM wollen den Kapitalismus zerschlagen und nicht unsere Zeit damit verschwenden, ihn freundlicher zu machen.

Abgeordnete sind kaum mehr als ein Ausschuss für die Verwaltung der Angelegenheiten des Kapitalismus. Wir können nicht die Revolution oder eine radikale Regierung wählen, weil der Kapitalismus seine wirtschaftliche Macht in Form von Sanktionen und Kapitalflucht nutzen wird, um jeden zu bestrafen, der die Gesellschaft radikal reformieren will - unabhängig davon, ob die Mehrheit dafür gestimmt hat oder nicht. Noch schlimmer ist, daß sich eine gewählte Regierung in manchen Situationen durchaus von äußeren Einflüssen bedroht sehen kann, ja sogar mit Invasion und Krieg konfrontiert sein kann. Realistisch betrachtet bedeutet die Natur des Staates jedoch, daß Kapitalisten diese Taktiken nur selten anwenden müssen.

Während viele Radikale versucht sein mögen, unserer Analyse den Grenzen des Wahlkampfes und der Stimmabgabe zuzustimmen, stimmen nur sehr wenige automatisch unseren anarchistischen Argumenten zu, nicht zu wählen. Stattdessen argumentieren sie, daß wir direkte Aktionen mit Wahlkampf kombinieren sollten, und sie suggerieren, daß der Staat zu mächtig ist, um ihn in die Hände von Rechtsextremen zu legen. Diejenigen, die dies sagen, berücksichtigen aber letztlich nicht die Natur des Staates und die korrumpierende Wirkung, die er auf Politiker hat. Wenn man sich an der Geschichte orientiert, dann ist der Nettoeffekt davon, wenn Radikale Wahlen nutzen, daß die Radikalen zum Zeitpunkt ihrer Wahl nur zu gerne genau das tun werden, wofür sie einst die Rechten verurteilt hätten.

Wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte wir das allgemeine Wahlrecht haben, nicht nur in Aotearoa, sondern weltweit, und daß wir den Aufstieg der Labour-Partei und anderer so genannter progressiver Parteien erlebt haben, die alle dieses System nutzen wollen, um Veränderungen herbeizuführen, ist es traurig zu sehen, daß wir wahrscheinlich weiter vom Sozialismus entfernt sind als je zuvor. Die simple Tatsache ist, daß diese Parteien so viel Zeit damit verbracht haben, Wahlen zu gewinnen, daß sie nicht einmal mehr daran dachten, sozialistische Alternativen in unseren Gemeinden und an unseren Arbeitsplätzen zu schaffen.

Der Staat formt die Menschen. Wie Noam Chomsky argumentiert, “wird die Politik im Rahmen der bestehenden staatlichen Institutionen von Menschen bestimmt werden, die Zentren konzentrierter Macht in der Privatwirtschaft vertreten, Menschen, die in ihrer institutionellen Rolle nicht durch moralische Appelle, sondern durch die Kosten, die sich aus den von ihnen getroffenen Entscheidungen ergeben, beeinflusst werden - nicht, weil sie ‘schlechte Menschen’ sind, sondern weil es die institutionelle Rolle erfordert”.

Es war Bakunin, der 1869 (drei Jahre bevor Marx seinen Parlamentarismus auf die Erste Internationale hievte) voraussagte, daß wenn “die Arbeiter die einfachen Arbeiter in die gesetzgebenden Versammlungen schicken, die Arbeiter-Deputierten in ein bürgerliches Umfeld, in eine Atmosphäre rein bürgerlicher Ideen versetzt, tatsächlich aufhören werden, Arbeiter zu sein, und, indem sie Staatsmänner werden, bürgerlich werden. Denn die Menschen machen nicht ihre Situation, im Gegenteil, die Menschen werden von ihnen gemacht”. In ähnlicher Weise argumentierte Krotpotkin, daß “in dem Maße, wie die Sozialisten in der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft und im gegenwärtigen Staat eine Macht werden, ihr Sozialismus aussterben muss” [Kropotkins revolutionäre Pamphlete, S. 189]. Die Geschichte hat den Anarchisten zweifellos Recht gegeben.

Die Teilnahme an der Politik der bürgerlichen Staaten hat die Arbeiterbewegung dem Sozialismus nicht um Haaresbreite näher gebracht, aber dank dieser Methode ist der Sozialismus fast vollständig zerschlagen und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt worden. Die Teilnahme an der Parlamentspolitik hat die sozialistische Arbeiterbewegung wie ein heimtückisches Gift beeinflusst". Rudolf Rocker, Anarcho-Syndikalismus, S. 49

Wir können es nicht oft genug wiederholen, die Wahlergebnisse führen dazu, daß die Partei sie dazu benutzt, moderater und reformistischer zu werden - in der Tat wird die Partei oft das Opfer ihres eigenen Erfolgs. Um Stimmen zu gewinnen, muss die Partei “gemäßigt”, “verantwortungsbewusst” und “vernünftig” auftreten, und das bedeutet, innerhalb des Systems zu arbeiten. Das bedeutet, daß man innerhalb des Systems arbeiten muss: “Die Teilnahme an der Politik der bürgerlichen Staaten hat die Arbeiterbewegung dem Sozialismus nicht um Haaresbreite näher gebracht, aber dank dieser Methode ist der Sozialismus fast vollständig zerschlagen und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt worden. Die Teilnahme an der Parlamentspolitik hat die sozialistische Arbeiterbewegung wie ein heimtückisches Gift beeinflusst”. [Rudolf Rocker, Anarcho-Syndikalismus, S. 49]

Jedes Mal, wenn eine so genannte Arbeiterpartei an die Macht gekommen ist, hat sie auf eine Weise gehandelt, die sie von ihren eher rechtsgerichteten Gegnern kaum zu unterscheidet. Trotz ihrer Versprechen, für die Arbeiterklasse zu handeln, scheinen sie, sobald sie an der Regierung sind, immer mehr darauf bedacht zu sein, “respektabel” und “vernünftig” zu sein und nichts zu tun, was die Reichen, die wahren Herrscher unserer Gesellschaft, beleidigen würde. Heutzutage sind wir so weit “fortgeschritten”, daß die Parteien nicht einmal mehr so tun, als würden sie ihren Wahlkampf auf der Grundlage der Vertretung der Arbeiterklasse führen, und sich darauf beschränken zu sagen, sie seien “vertrauenswürdiger” oder ein “sicheres Paar Hände” zur Kontrolle der Wirtschaft. Der Sozialismus ist eine Peinlichkeit aus der Vergangenheit.

Die Arbeiterpartei in Aotearoa ist eine Geschichte der Kompromisse mit dem Kapitalismus und der arbeiterfeindlichen Klassenklage. Drei Zitate von Peter Fraser, einst selbsternannter revolutionärer Sozialist und Labour-Premierminister 1940-49, belegen dies. 1913 schrieb Fraser: “Industriegewerkschaftlichkeit plus revolutionäre politische Aktion sind meiner Meinung nach die effektivsten und schnellsten Mittel, um [den Sozialismus] zu erreichen”. Bis 1918 hatte Fraser seine Ansichten gemäßigt. Statt einer Revolution forderte er “die friedliche und legale Umwandlung der Gesellschaft von privatem in öffentliches Eigentum und die Verstärkung der demokratischen Kontrolle über Land und Industrie”. Zu Beginn der 1930er Jahre dann sah Fraser das Hauptziel von Labour als ein ganz simples: Arbeitsplätze für Arbeitslose.

Janet Biehl fasst die Auswirkungen des Versuchs, radikalen Wahlkampf mit direkter Aktion zu verbinden, auf die deutschen Grünen zusammen: “Die deutschen Grünen, einst ein Aushängeschild für die grüne Bewegung weltweit, sollten nun als stinknormal betrachtet werden, wie ihr De-facto-Chef selbst erklärt. Heute sind die Grünen eine Fundgrube von Karrieristen und zeichnen sich nur noch durch die Schnelligkeit aus, mit der sich die alten Kader des Karrierismus, der Parteipolitik und des Business-as-usual wieder einmal in ihrer Saga des Kompromisses und des Verrats von Prinzipien ausspielten. Unter dem oberflächlichen Schleier ihrer alten Werte - der heute tatsächlich nur noch sehr dünn ist - können sie nach herzenslust Positionen suchen und Kompromisse eingehen. Sie sind “praktisch”, “realistisch” und “machtorientiert” geworden. Diese ehemalige Neue Linke altert schlecht, nicht nur in Deutschland, sondern auch überall sonst. Es geschah es mit der SPD im August 1914, so geschah es mit den Grünen 1991.” (“Partei oder Bewegung?”, Greenline, Nr. 89, S. 14)

Hier in Aotearoa war der Effekt auf unsere eigene Grüne Partei derselbe. Sie band sich während ihrer Entwicklung fest an eine vernünftige Budgetierung und verlässt sich auf die Marktkräfte, um unsere Probleme zu lösen. Sie hat sich von so etwas wie einer Aktivistenpartei zu einer der “professionellen Politiker” entwickelt.

Es reicht nicht aus, die jeweiligen Amtsträger für diesen Verrat verantwortlich zu machen und zu argumentieren, daß wir einfach bessere Politiker wählen oder bessere Führer wählen müssen. Für Anarchisten könnte nichts falscher sein, denn das Problem sind die eingesetzten Mittel und nicht die beteiligten Personen. Über seine persönliche Erfahrung als Abgeordneter berichtete Proudhon: “Sobald ich den parlamentarischen Sinai betrat, hörte ich auf, mit den Massen in Kontakt zu treten; weil ich in meine legislative Arbeit vertieft war, verlor ich die aktuellen Ereignisse völlig aus den Augen. Man muss in diesem Isolator, der sich Nationalversammlung nennt, gelebt haben, um zu begreifen, daß die Männer, die den Zustand des Landes am vollständigsten kennen, fast immer diejenigen sind, die es vertreten. “Es gab “Unkenntnis der täglichen Tatsachen” und “Angst vor dem Volk” (“die Krankheit all jener, die der Autorität angehören”), denn für das Volk “ist der Machthaber der Feind”. [Eigentum ist Diebstahl!, S. 19] Letztendlich war dieses Schicksal, wie der Syndikalist Emile Pouget argumentierte, unvermeidlich, da jeder sozialistische Politiker “nicht aus der Reihe tanzen konnte; er ist nur ein Rädchen in der Maschinerie der Unterdrückung, und ob er es will oder nicht, muss er als Minister an der Aufgabe der Zerschlagung des Proletariats mitwirken”. [zitiert von Jeremy Jennings, Syndikalismus in Frankreich, S. 36]

"(Der Wahlkampf)zieht und verstrickt seine Partisanen unter dem Vorwand der politischen Taktik unweigerlich in unaufhörliche Kompromisse mit Regierungen und politischen Parteien, d.h. er treibt sie zu einer regelrechten Reaktion".The Basic Bakunin S. 288

Letztlich können die Befürworter politischer Maßnahmen nur an die guten Absichten und den Charakter ihrer Kandidaten appellieren und auf das Beste hoffen. Anarchisten geben jedoch im Gegensatz zu Marxisten und anderen Radikalen ständig eine Analyse der Regierungsstrukturen und der anderen Einflüsse ab, die bestimmen, wie sich der Charakter der erfolgreichen Kandidaten und politischen Parteien verändern wird. Nur Anarchisten, wie wir in der AWSM, legen kontinuierlich eine Analyse der Auswirkungen des Wahlsystems und seiner Auswirkungen auf die Radikalen vor. Die Geschichte ist unser Beweis, der Wahlkampf, wie Bakunin es ausdrückte, “zieht und verstrickt seine Partisanen unter dem Vorwand der politischen Taktik unweigerlich in unaufhörliche Kompromisse mit Regierungen und politischen Parteien, d.h. er treibt sie zu einer regelrechten Reaktion”. [The Basic Bakunin S. 288]

Die Nutzung der Wahlurne als Taktik schadet nicht nur den Politikern und ihren Parteien, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die übrige Bevölkerung. Die Unterstützung des Wahlkampfes steht im Widerspruch zu unserer Befürwortung einer kollektiven Massenaktion. Sie behindert die Argumente für eine kollektive Organisation und Aktion, da die Wähler von ihrem Vertreter erwarten, daß er für sie handelt und kämpft. Politische Aktionen werden ausschließlich als parlamentarische Aktivitäten betrachtet, die von ihren Vertretern für das Volk gemacht werden. Es gibt für das Volk keine andere Rolle als die der passiven Unterstützung und die des Zuschauer. An die Stelle von Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung der Arbeiterklasse tritt also eine Führung der Nicht-Arbeiterklasse, die für das Volk handelt. Die wirklichen Ursachen und Lösungen für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, werden von denen an der Spitze der Partei nicht verstanden, ignoriert und nur selten in der Öffentlichkeit diskutiert, denn sie würden ihre Chancen auf eine Wiederwahl schmälern.

Es gibt nichts Isolierteres und Individualistischeres als das Wählen. Es ist die Handlung einer Person, die allein in einer Kabine sitzt. Es ist das genaue Gegenteil eines kollektiven Kampfes. Der Einzelne ist vor, während und nach dem Wahlakt allein. Im Gegensatz zur direkten Aktion, die ihrem Wesen nach neue Organisationsformen hervorbringt, um den Kampf zu verwalten und zu koordinieren, schafft das Wählen keine alternativen Formen der Selbstverwaltung der Arbeiterklasse. Das kann sie auch nicht. Sie ermächtigt lediglich ein Individuum (den Politiker), im Namen einer Gruppe anderer Individuen (der Wähler) zu handeln. Politische Parteien verzichten zugunsten des Wahlerfolgs auf direkte Aktionen (in der Tat wird der Wahlsieg bald genug zum A und O ihrer Tätigkeit). Wenn Radikale gewählt werden, ändert sich auch der gesamte Brennpunkt des Kampfes. Statt des direkten Kampfes gegen den Staat und den Boss wird dies als nicht mehr nötig angesehen, da die gewählten Vertreter handeln werden oder die Menschen glauben, sie würden handeln, und deshalb selbst nicht handeln. Sie haben jemanden gewählt, der für sie kämpft, und sehen oder erkennen daher nicht die Notwendigkeit, selbst zu kämpfen.

In vielerlei Hinsicht ist die direkte Aktion für die Menschen ein wirksameres Mittel, um ein Mitspracherecht in der Gesellschaft zu haben, als das Wählen. Wählen ist eine Lotterie, Ihr bevorzugter Kandidat wird vielleicht nicht gewählt, und die ganze Zeit und Energie, die man in ihre Unterstützung investiert, ist verschwendet. Bei direkten Aktionen können Sie sicher sein, daß Ihre Arbeit zu Ergebnissen führt, und die Erfahrungen, die Sie sammeln, die Lektionen, die Sie gelernt haben, und die Netzwerke und Verbindungen, die Sie dabei aufgebaut haben, können Ihnen nicht weggenommen werden.

Auch Abstimmungen sind nur dann möglich, wenn die Wahlzeit gekommen ist, direkte Aktionen können immer dann durchgeführt werden, wenn der Bedarf steigt. Wenn Sie sich auf den Wahlkampf verlassen, bedeutet dies, daß Sie sich nur mit den Themen befassen können, die auf der politischen Agenda der Kandidaten aktuell sind, während direkte Maßnahmen angewandt werden können, um die Themen in jedem Aspekt Ihres Lebens zu behandeln.

Mit anderen Worten, unsere Unterstützung für die direkte Aktion ist mit unserer Ablehnung der Stimmabgabe verbunden, und unser Aufruf, nicht zu wählen, unterstreicht die Bedeutung der direkten Aktion und hat zudem einen wichtigen erzieherischen Effekt, indem er hervorhebt, daß der Staat nicht neutral ist, sondern dazu dient, die Klassenherrschaft zu schützen, und daß sinnvolle Veränderungen nur von unten kommen. Es reicht also nicht aus, einfach nicht abzustimmen, wir müssen uns organisieren und kämpfen. Mit den Worten eines anarchistischen Mitglieds der Juraföderation aus dem Jahr 1875:

"Anstatt den Staat um ein Gesetz zu betteln, das die Arbeitgeber zwingt, nur noch so viele Stunden zu arbeiten, zwingen die Berufsverbände den Arbeitgebern diese Reform direkt auf; auf diese Weise wird statt eines Gesetzestextes, der toter Buchstabe bleibt, durch die direkte Initiative der Arbeitnehmer eine echte wirtschaftliche Veränderung bewirkt wenn die Arbeiter ihre ganze Aktivität und Energie der Organisation ihrer Berufe in Widerstandsgesellschaften, Berufsverbände, lokale und regionale Verbände widmeten, wenn sie durch Versammlungen, Vorträge, Studienzirkel, Papiere und Flugblätter eine permanente sozialistische und revolutionäre Agitation aufrechterhielten; wenn sie durch die Verbindung von Praxis und Theorie direkt, ohne bürgerliche und staatliche Intervention, alle unmittelbar möglichen Reformen verwirklichten, Reformen, die nicht einigen wenigen Arbeitern, sondern der werktätigen Masse zugute kommen - dann wäre der Sache der Arbeit sicherlich besser gedient als ... legale Agitation". zitiert von Caroline Cahm, Kropotkin und der Aufstieg des revolutionären Anarchismus, S. 226

Deshalb fordern wir die Menschen auf, nicht zu wählen - um Aktivität und nicht Apathie zu fördern. Anstatt unsere Zeit damit zu verbringen, die Menschen dazu zu drängen, für die eine oder andere Gruppe zu stimmen, die je etwas andere Wege zur Verwaltung des Kapitalismus anbieten, erheben wir die Option, sich selbst zu regieren, sich mit anderen an Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrer Gemeinde, und überall zu organisieren. Wir bieten eine Option für etwas, für das man nicht stimmen kann: eine neue Gesellschaft. Anstatt darauf zu warten, daß andere einige Veränderungen für Sie vornehmen, fordern wir wie alle Anarchisten die Menschen dazu auf, es selbst zu tun. Auf diese Weise können wir eine Alternative zum Staat aufbauen, was jetzt schon seine Macht reduzieren und auf lange Sicht ersetzen kann. Das ist der Kern unserer anarchistischen Prinzipien und der Grund, warum wir sagen:

Wählen Sie nicht!

Indem wir die prinzipielle Entscheidung treffen, nicht an der Wahl teilzunehmen, eröffnen wir die Möglichkeit, die Akzeptanz des Status quo in Frage zu stellen. Wir halten es für wichtig, aufzustehen und die Menschen daran zu erinnern, was an der Wahl falsch ist. Vielleicht können wir, indem wir bewusst nicht wählen und anderen erklären, warum wir nicht wählen, die Überzeugungen und den Glauben der Menschen über die Regierung ändern. Wir nutzen diese Gelegenheit um zu sagen, daß es bessere, sinnvollere Wege gibt, um ein gerechteres, freieres, bedeutungsvolleres Leben zu erreichen; daß wir nicht auf den Staat zurückgreifen müssen, um Probleme zu lösen.

Als Anarchisten sind wir der Meinung, daß unsere Politik die Zerstörung des Staates sein sollte, und nicht die, mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. Wir glauben, daß diese Haltung wesentlich ist, wenn wir in der Lage sein wollen, den Anarchismus zu fördern und uns fest außerhalb der Aktivitäten und politischen Spiele der Parteien positionieren wollen. Wir halten dies für unerlässlich, um nach den Abstimmungen nicht als eine weitere Bande von Linken gesehen zu werden und um nicht durch das unvermeidliche Versagen einer Regierung, unseren Bedürfnissen gerecht zu werden, befleckt zu werden. Wir glauben an die Revolution und haben eine revolutionäre Ideologie, und wir wollen die Menschen für den Anarchismus gewinnen. Wenn die Menschen anfingen, den Anarchismus als eine politischen Parteie zu sehen, dann wäre es für die Menschen schwer zu verstehen, was der Anarchismus eigentlich ist.

Indem wir unsere Anti-Wahlposition erläutern, können wir unsere Vorstellungen über das Wesen des gegenwärtigen Systems vermitteln, wie gewählte Politiker vom Staat kontrolliert und geformt werden und wie der Staat zum Schutz des Kapitalismus handelt. Darüber hinaus können wir unsere Vorstellungen von direkter Aktion präsentieren und diejenigen, die von politischen Parteien und dem gegenwärtigen System desillusioniert sind, dazu ermutigen, Anarchisten zu werden, indem wir eine brauchbare Alternative zum Schein der Parteipolitik präsentieren. Denn schließlich ist ein beträchtlicher Prozentsatz nicht nur der Nichtwähler, sondern auch der Wähler vom gegenwärtigen System desillusioniert. Viele, die nicht wählen, tun dies aus im Wesentlichen politischen Gründen, etwa weil sie das politische System satt haben, weil sie keine Unterschiede zwischen den Parteien sehen oder weil sie erkennen, daß die Kandidaten ihre Interessen nicht vertreten. Viele, die wählen, tun dies einfach gegen einen anderen Kandidaten und wählen die für sie am wenigsten schlechte Option. Ein Gespräch über Politik ist die Gelegenheit, die Idee in Frage zu stellen, daß wichtige Entscheidungen nur von wenigen getroffen werden können, und gleichzeitig unsere anarchistischen Ideen zu vermitteln.

Wir haben mit einem Zitat von Vernon Richards begonnen, und wir werden mit einem enden: “Wenn die anarchistische Bewegung in der praktischen Politik eine Rolle zu spielen hat, dann sicherlich die, möglichst vielen Menschen vorzuschlagen und sie davon zu überzeugen, daß ihre Freiheit von den Hitlers, Francos und dem Rest nicht vom Wahlrecht oder davon abhängt, eine Mehrheit der Stimmen ‘für den Kandidaten seiner Wahl’ zu erlangen, sondern von der Entwicklung neuer Formen der politischen und sozialen Organisation, die auf die direkte Beteiligung des Volkes abzielen, mit der daraus folgenden Schwächung der Macht wie auch der sozialen Rolle der Regierung im Leben der Gemeinschaft.” [“Anarchisten und Wahlrecht”, S. 176-87, Der Rabe, Nr. 14, S. 177-8]

Also… Wählen Sie nicht, oder wählen Sie ungültig, wenn Sie wollen, aber lassen Sie uns anfangen, einen wirklichen Unterschied zu machen.

via anarkismo.net, Übersetzung