Zur Nomadisierung der deutschen Post-Corona Gesellschaft

Das ist wohl das Gefährlichste, was gesellschaftlich passieren konnte: die Leute hatten - vielleicht zum ersten Mal - Zeit, Gelegenheit und Grund, die Normalität ihres Alltags zu hinterfragen.

"Während der Kurzarbeit haben sie gemerkt, dass sie auch mit weniger Geld auskommen, haben andere Projekte angefangen und wollen auf Teilzeit umstellen." ― https://www.zeit.de/arbeit/2021-07/gastronomie-corona-krise-oeffnung-mitarbeiter-suche/komplettansicht

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, so stellt sich nun endgültig heraus, hat zwei Seiten: einerseits unterbricht und entwertet sie die Sicherheiten des Normalarbeitsverhältnisses, auf dem der soziale Frieden der Nachkriegszeit gegründet war. Die Flexibilisierung führt zu Unsicherheiten, zu gebrochenen Erwerbsbiographien, zur Entgrenzung. Andererseits kann das eine unerwartet scharfe Waffe sein. “ Die Coronapandemie zeigt es: die Menschen suchen sich bessere Jobs. Und was “besser” für sie genau bedeutet, ist höchst individuell. Besser bedeutet eben nicht mehr nur, eine neue, eine höhere Sprosse der “Karriere-“Leiter zu erklimmen, sondern oftmals auch, eine ganz andere Leiter zu wählen oder es gar ganz ohne Leiter zu versuchen. Das für die Leistungsgesellschaft schlimmstmögliche Ereignis ist eingetreten: die Menschen haben festgestellt, dass es nicht nur nach oben gehen muss, sondern dass Weniger tatsächlich Mehr ist. “Jeder ist ersetzbar” war die bewährte Drohkulisse, die sich nun gegen die Bosse wendet. Aus der Vertikalität des Arbeitslebens wird zunehmend … Horizontalität?

Die Gastronomiebranche ist hier aktuell als Speerspitze dieser Entwicklung anzusehen: sie findet keine Arbeiter mehr, denn diese haben in der erzwungenen Auszeit der Pandemie festgestellt, dass es gar nicht so viel schlechtbezahlte Arbeit mit schwierigen Arbeitszeiten zur persönlichen Zufriedenheit braucht. Der Wertekompass wurde neu kalibriert. Genau hier liegt ein Samenkorn, in dieser Erkenntnis, welche das verknöcherte System der vertikalen Lohnarbeit aufbrechen könnte: Wenn es mir hier nicht mehr passt, gehe ich eben woanders hin.

Die Aufwärtsmobilität war sowieso lange Zeit nur Fiktion, ein Nullsummenspiel. Mit der weiteren Spreizung der Gesellschaft tritt dies nur noch mehr ins Bewusstsein der Menschen. Mit normaler Arbeit kann man auch im 21. Jahrhundert nicht nur nicht reich werden, sondern immer schwerer einen auch nur bescheidenen Wohlstand erreichen. Während sich Arbeiterfamilien früher(tm) noch fleißig eine Existenz, ein Häusschen aufbauen konnten, müssen heute zwei Personen Vollzeit arbeiten, um sich auch nur ein Auto leisten zu können, und, wenn es gut läuft, eine günstige Urlaubsreise. Zu diesem Eindruck, dieser Erkenntnis, tragen die Reichen, die Bosse und Politiker mit ihrer unverblümt zur Schau getragenen Korruption und der persönlichen Bereicherung täglich bei.

Der dünne Firnis der Leistungsgesellschaft ist gerissen.

Wir sehen den Beginn einer längst überfällige Demokratisierung der Arbeit. Die Menschen wählen, wo, wie viel und für wen sie arbeiten wollen. Wir waren für 8h Schlafende, für 8h Demokraten, und für 8h Ausgebeutete in einer Diktatur oder Oligarchie, so sah die Welt vor Corona aus. Eine verschwindend geringe Zahl von Unternehmen sind demokratisch organisiert, vielleicht sehen wir ja auch bald eine Demokratisierung in den Betrieben?

Die Propagandawelle, die versuchen wird, diese Gefahr, diesen Ausbruch der Menschen aus dem Denkkorsett der Leistungsgesellschaft, wieder einzuhegen, rollt schon an. Die zunehmende Fixierung auf finanzielle Kosten der Pandemie baut Druck auf das Individuum auf. Wenn es ganz schlimm läuft, wird dies dann in Form von Angst kollektiviert, und sozialer Druck führt dazu, sich der Angst zu beugen. Wozu sozial kollektivierte finanzielle Deprivation führt, welche die Staaten sodann mit “Konjunkturprogrammen” auffangen wollen, haben wir in der Geschichten schon oft erlebt.

Wenn wir dann bald Austerität fahren “müssen”, bezahlen wir nicht in erster Linie die finanziellen Kosten der Pandemie, sondern vor allem die Gewinne, die dadurch erst entstehen werden.

(Artikelbild: “Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer” Karikatur aus dem «Neuen Postillon», Schweiz 1896, Public Domain)