Murnauer Dialektik

So geht bayerisch-murnauerische Dialektik: während im Kultur- und Tagungszentrum der eigene Aufklärungswille (“Murnaus Weg zur Nazi-Hochburg: Forscherin dokumentiert, wie alles begann”1) gefeiert wird, braut sich keine 50 Meter weiter die braune Schlammgrube ihr nächstes, widerwärtiges Süppchen.

„Man kann sagen, dass der Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat - die teuflischste Variante, die man sich denken kann - nämlich: das Wahrlügen.“ ― Hannah Arendt

Montagabend, 12.10.2020. Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung und der Gegnerschaft gegen die grassierende Corona-Pandemie versammelt sich ein Querschnitt durch Murnaus Bürgerschaft, um den selbsternannten Apologeten der “Freiheit” zu lauschen. “Grundrechte, Freiheit, Selbstbestimmung, Frieden durch Friedensvertrag”, so steht es auf der Ankündigung. Das seien die Themen, ja wohl auch die Forderungen der Querdenken881 Gruppierung.

Um 18:30 Uhr ist es schon etwas dämmerig. Es verspricht eine seltsame Veranstaltung zu werden. Hysterisches Gekicher brandet hier und da auf, Kerzen brennen, Herzchen, bunt beleuchtet, werden geschwenkt. Eine seltsam ausgelassene Stimmung, regredierend in jugendliche Auflehnung. Selbstsicher sind sie, und sie wirken nicht so, als ob sie hier wären, um kritisch selbst zu denken. Nein, sie wollen zuhören heute Abend. Die Ankündigung verspricht ein Feuerwerk an Titeln: Philosophie, Ingenieur, Polizist. Titel sind wichtig in der Schlacht um die Köpfe und Herzen der Widerständler.

Der Ankündigung ist zu entnehmen, dass der Reichsbürger und Holocaustrelativierer UE mit der Rechtsaußenideologin MBH Ringelreihen spielen und die Plätze an der Front getauscht haben. Nachdem dieser bei Presse, Lokalpolitik und Exekutive unter Beschuss geraten ist, tritt er und seine Frau, aus der zweiten Reihe, zwar noch auf, aber nun halt nicht mehr namentlich als Veranstalter. Diese juristische Verantwortung übernimmt nun die Phänomenologin MBH, die auch mal locker aus der Hüfte den Atlantiskult bemüht, um Vergleiche zur “Coronazeit” zu ziehen. “Antimenschliche Schattenwesen aus dem Kosmos bedienen sich in regelmäßigen zeitlichen historischen Zeitabständen des Körpers und des Verstands der Menschen”. Weiteren Einblick in ihre Denkwelten haben wir und andere ja schon ermöglicht.

MBH begrüßt die Teilnehmer, nach wenigen Minuten stellt sie direkt klar, die “Verwalterregierung habe die Pandemie beschlossen”. Offenbar überhören die Zuhörer diese Punkte. Sie streut hin und wieder ihre Rechtsaußenthemen, übliches Reichsbürgergewäsch, schwenkt dann aber süßlich geschickt wieder auf Freiheit, Liebe und das Leben als Erwachte. So klatschen die Zuhörer, manchmal dann eben auch an der falschen Stelle. Die eindeutig rechten Talkingpoints werden nicht sehr euphorisch bejubelt, es macht sich, wenn überhaupt, eher beschämt-gespannte Stimmung breit, die sich dann mit den Stichworten “Wir”, “Liebe”, “Freiheit” kathartisch bricht und erleichtert beklatscht wird. Ein übles Spiel, das die studierte Philosophin und halbwegs geübte Rednerin da spielt. Offenkundig hat sie ihr Agitationstraining am Studienzentrum Weikersheim mit der Note 3+ absolviert.

Danach kommt, Küsschen, der pensionierte Polizist Karl Hilz aus München, zünftig in Lodenmantel und Hut, der die Menge auf Bayrisch begrüßt, dem daraufhin sofort die Sympathien zufliegen. Die weiße Rose, die man ihm kurz vor seinem Auftritt in die Hand gedrückt hatte, wollte nicht so recht am Revers halten und ist nicht zu erkennen2. Kunstvoll lässt er, zu Beginn, kalkulierte Beifallpausen, ähnlich wie schon MBH. Diese Leute sind es gewohnt zu beeinflussen; zumindest sind sie gewohnt, vor Menschen zu sprechen. Der Polizist muss allerdings noch etwas üben, und ich fürchte, dass er noch genug Gelegenheit dazu haben wird. Im Eifer des Verlauf seines monologischen Wortgefechts vergisst er zunehmend die Pausen.

„Der ideale Untertan der totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, wahr und falsch, nicht mehr existiert.“ ― Hannah Arendt

Seine Argumentationskette zieht sich ausgehend von der Menschenwürde des Grundgesetzes direkt zur Maskenpflicht (die ja ein Verbrechen gegen die Menschen sei) und wiederum sehr direkt zu Artikel 20, dem Widerstandsrecht. Juristisch nicht unbeleckt stellt er aber klar, dass der einzige legale Weg des Widerstands und zur Absetzung der organisierten kriminellen Politikerclique über eine Besetzung der Basis und die Übernahme der Parteien sei. Direkt nach diesen langatmigen Ausführungen halluziniert er über die Demokratiehalluzination, in der wir leben, und referiert über Organisierte Kriminalität, damit kenne er sich qua Beruf aus. Er reißt an, stellt in den Raum - ohne justiziabel allzu konkret zu werden. Das Gesamtbild der Argumentation entsteht in den Köpfen der Zuhörer. Menschenwürde, Widerstand, Kriminelle.

Ich halte es nicht länger aus, dieses “Spannung, Spiel und Spaß”, changierend zwischen harmlos und hart rechts, und mache mich auf zu den Gegendemonstranten. Ganz am Ende der Wiese, hinter einem Flatterband, stehen etwa 40 laute Jugendliche mit antifaschistischen Transparenten und Fahnen.

Die Polizei ist zahlreich vorhanden, aber außerordentlich friedlich. Ganz zu Beginn sehe ich, wie eine etwa 20jährige abgeführt wird, höre, dass sie nun EKD behandelt wird. Später treffe ich sie wieder, sie meinte nur “Personalien und fertig”. Jemand raunt, die Polizei wäre doch selbst mit den Coronaleugnern im Streit, ob man diese nicht doch Nazis nennen dürfe.

Am Ende der Veranstaltung müssen - nein, wollen, denn es gäbe natürlich andere Wege - einige der Coronaleugner nahe an der Gegendemo vorbei, und es wirkt, als ob manche gerne im Rampenlicht stehen. Eine ruft, auf das “Alerta!” hin: “glaubt’s ihr den Schmarrn echt selbst?”. Ich nehme ihr sogar ab, dass sie keine Ahnung hat, mit wem sie sich da einlässt. Natürlich sonnt sich auch Garmischs durchgeknallte Dramaqueen in der Aufmerksamkeit. Plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Eine Gruppe von etwa 10 Antifas geht flott und bestimmt den Weg entlang, den auch die Coronaleugner nehmen. Etwa gleich viel Polizei eilt hinterher.

Wenn sich die Damen und Herren aus ihrer lauschigen Selbstbeweihräucherung heraus in die Kälte getraut hätten, hätten sie einen Blick darauf werfen können, was für kalten Zeiten da kommen. Selbstverständlich bin ich für eine umfassende Aufarbeitung der menschenverachtenden Geschichte - weil die Geschichte uns doch auch etwas lehren kann. Wenn man denn hinschaut.

Alerta!

Anmerkung 18.10.: haben die “Naziqueen” zu “Dramaqueen” korrigiert. Gibt noch zu wenig eindeutige Belege, sagen wir, sie ist “vielschichtig”.

Artikelbild: Screenshot des Vortrags “Die Würde des Menschen ist unantastbar” , Karl Hilz am 12.10.2020 in Murnau, Youtube

  1. “Über Jahre hatte Dr. Edith Raim geforscht. Am Montagabend präsentierte sie im Kultur- und Tagungszentrum ihre herausragende, 750 Seiten umfassende Dokumentation „Es kommen kalte Zeiten“. Die Autorin recherchierte über das politische, soziale und kulturelle Panorama kleinstädtischen Lebens in der unruhigen Zeitspanne zwischen 1919 und 1950 – deutsche Geschichte, in Murnau komprimiert „wie in einem Brennglas“” (Quelle: Murnauer Tagblatt

  2. Die weiße Rose ist für Murnau ein besonderes Symbol. Es tauchten kürzlich Flugblätter der Coronaleugner mit diesem Symbol und Zitaten der Sophie Scholl auf, was zu einiger Verstimmung im Geburtsort ihres Mitstreiters Christoph Probst sorgte (Quelle: Murnauer Tagblatt