Die Pandemie und der Reset der globalen Maschine

Franco „Bifo“ Berardi ist ein zeitgenössischer Schriftsteller, Medientheoretiker und Medienaktivist. Er gründete die Zeitschrift A / traverso (1975-1981) und war einer der Mitbegründer von Radio Alice, dem ersten freien Radiosender Italiens (1976-1978). Er war Mitarbeiter der folgenden Zeitschriften: Semiotexte (New York), Chimeres (Paris), Metropoli (Rom), Musica 80 (Mailand) und Archipielago (Barcelona). Zu seinen Veröffentlichungen gehören Futurability (Verso), Breathing (Semiotexte) und Fenomenologia del fin (Caja Negra).

Die Pandemie von 2020 hat die Zukunft als Möglichkeitsraum reaktiviert und uns veranlasst, neue, dezentralisierte Formen des politischen Handelns und der sozialen Beziehungen ins Auge zu fassen, argumentiert der italienische Philosoph Franco „Bifo“ Berardi.

An bestimmten katastrophalen Punkten in der historischen Krise des Kapitalismus wie diesem können sich Chancen für neue Solidaritäten durch Reorganisationen der Macht ergeben – vielleicht sogar neuartige Vorstellungen von Aufstand. Am Wichtigsten ist jedoch, daß dieser Moment auch neue Vorstellung eines inklusiveren „Wir“ ermöglichen kann, welches sich aus einem typischerweise verschleierten, prekären Bevölkerungsüberschuss zusammensetzt. Wenn die Menschen keine Miete zahlen können, wenn sie nicht arbeiten können, dann haben sie vielleicht bereits so etwas wie einen Generalstreik begonnen, wie es in einem ausgezeichneten Aufsatz in der Zeitschrift Chuang beschrieben wird. Sie sehen die Konturen neuer Formen des Zusammenseins in Reaktionen auf diesen Virus, in sozialer Distanzierung, in der Schließung von Büros, und sie schreiben: „Die Quarantäne ist also wie ein Streik, der zwar seine gemeinschaftlichen Züge aushöhlt, aber dennoch in der Lage ist, einen tiefen Schock sowohl für die Psyche als auch für die Wirtschaft auszulösen“.

Wie können wir dann unser Handeln neu überdenken? Werden die Menschen das Bedürfnis verspüren, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, wenn das neu gestaltete soziale Leben nicht mehr vom Arbeitsplatz als solchem abhängig ist? Vielleicht ist jetzt der beste Zeitpunkt seit vielen Jahrzehnten, um eine Reihe von Fragen zu beantworten, die Kathi Weeks in ihrem 2011 erschienenen Buch „Das Problem mit der Arbeit“ stellt: Feminismus, Marxismus, Antiarbeitspolitik und Imaginäre der Postarbeit: „Wie könnten wir die grundlegenden Strukturen und vorherrschenden Werte der Arbeit – einschließlich ihrer Zeitlichkeiten, Sozialitäten, Hierarchien und Subjektivitäten – als drängende politische Phänomene entlarven? […] Wie könnten wir den Inhalt und die Parameter unserer gegenseitigen Verpflichtungen außerhalb der Währung der Arbeit begreifen? Franco „Bifo“ Berardi und ich haben über diese und andere Fragen gemailt, da wir in unseren Häusern sozial distanziert sind. Hier ist ein redigiertes Gespräch aus diesen Briefen über Zeitzonen hinweg. Andreas Petrossiants, 31. März 2020.

Die vollständige Verwirklichung des kapitalistischen Alptraums

Andreas Petrossiants: Meines Erachtens wird in vielen Schriften über die Pandemie zu wenig darauf eingegangen, wie statistische Ansätze zur Förderung der sozialen Reproduktion die Notwendigkeit beinhalten, die produktiven Werte und nicht das Leben zu schützen; darüber hinaus waren die Reaktionen der Regierung durchweg eine reaktionäre Verteidigung der Legitimationskrise der Arbeit. Der armselige Versuch der US-Regierung, ein zeitlich befristetes universelles Grundeinkommen einzuführen ist im Grunde ein Konjunkturpaket für Vermieter, da Mietzahlungen bestenfalls verschoben wurden. Die Realitäten des liberalen Wohlfahrtsstaates sind längst abgestorben, aber die Mythen des Liberalismus haben sich hartnäckig gehalten, sind mutiert und noch stärker geworden. Vielleicht werden diese Mythen jetzt ein für alle Mal zerschlagen? Wie sehen Sie den Horizont der Möglichkeiten in einer Zeit wie dieser, in der bestimmte Aspekte der Biomacht und die Taktiken der modernen Sozialkontrolle als veraltet zurückgewiesen werden und die Reaktion, sie doch noch zu retten, immer noch gewalttätiger wird?

Franco „Bifo“ Berardi: Ich sehe verschiedene und widersprüchliche Möglichkeiten. Die meisten Kommentatoren betonen die totalitäre Wirkung des gegenwärtigen Notstands. Wenn Menschen Angst um ihr eigenes Leben haben, akzeptieren sie Einschränkungen der Freiheiten, die sie sonst nicht akzeptieren würden. Westliche Medien (vor allem in den USA) haben die chinesische Reaktion auf den Ausbruch scharf kritisiert, aber auf lange Sicht stellen wir fest, daß die Chinesen das Virus viel wirksamer eingedämmt haben. In einem Artikel in El Pais schreibt der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han, daß die Chinesen eine völlig andere Herangehensweise an große Datenerhebungen und die sich daraus ergebenden Formen der Kontrolle haben.

Die Hypostatisierung des Konzepts der persönlichen Freiheit in der postromantischen westlichen Welt wird im kulturellen Kontext Chinas in Frage gestellt, ebenso wie das Konzept der „Privatsphäre“ selbst – in diesem Kontext gibt es keine kulturelle Übersetzung und Privatsphäre hat keine Bedeutung. Die Rhetorik der westlichen Demokratie basiert jedoch auf einem eurozentrischen Vorurteil, welches durch die drohende Gefahr des Aussterbens auf den Prüfstand gestellt wird. Wir sollten also erwarten, daß die gegenwärtige Pandemie uns auf die vollständige Integration des westlich-romantischen Individualismus und des östlich-konfuzianischen Kollektivismus unter der Ägide der kapitalistischen Ausbeutung vorbereiten wird. Die vollständige Verwirklichung des kapitalistischen Albtraums.

Naomi Klein formuliert es wie folgt, und darin folge ich ihr: „wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann, daß Momente des Schocks zutiefst flüchtig sind. Entweder verlieren wir viel an Boden, werden von den Eliten geschröpft und zahlen jahrzehntelang den Preis dafür, oder wir gewinnen progressive Siege, die wenige Wochen zuvor noch unmöglich schienen“. Plötzlich hat die Pandemie die Zukunft als Möglichkeitsraum reaktiviert, denn die Automatismen (sowohl technologischer als auch finanzieller Natur), die in den vergangenen neoliberalen Jahrzehnten die politische Subjektivität behinderten, sind gebrochen oder zumindest destabilisiert worden.

Das wirtschaftliche und soziale Szenario, das uns nach dem gegenwärtigen Pandämonium erwarten wird, ist kaum vorstellbar. Es wird nicht an vergangene Rezessionen erinnern, weil es eine Krise von Angebot und Nachfrage gleichzeitig sein wird und weil der Zusammenbruch die Aussicht auf eine Stagnation offenbart, die bereits in den letzten zehn Jahren trotz der Bemühungen um eine Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums deutlich zu sehen war. Das Wachstum hat sich in den letzten Jahrzehnten bis zu dem Punkt verlangsamt, daß eine Art „negative Utopie“ entstanden ist. Es ist keine vorübergehende Krise, sondern die Erschöpfung der physischen Ressourcen des Planeten, trotz all der technologischen Produktivitätssteigerungen. Paradoxerweise waren wir nicht in der Lage, die Möglichkeit einer Arbeitszeitverkürzung zu sehen, weil wir von dem Aberglauben einer erhöhten nationalen Produktivität besessen waren – die nicht ein Maß dafür ist, wie viele nützliche Dinge wir produzieren, sondern vielmehr ein Maß für die Akkumulation von Geldwert.

Jetzt ist der Bann gebrochen. Natürlich wird der wirtschaftliche Einbruch, wenn es nicht gar eine ausgewachsene wirtschaftliche Katastrophe wird, Wiederaufbaubemühungen erfordern, aber wir sind in der Lage zu entscheiden, was wir wieder aufbauen und was wir vergessen wollen. Wir können das Modell der Rohstoffgewinnung aufgeben und zum Beispiel umweltfreundliche Technologien einführen. Vor allem aber können wir ein Modell aufgeben, bei dem Konsumtion und Verbrauch obligatorisch ist.

Eines ist doch glasklar: Die Hauptursache für die gegenwärtige Notlage ist der Vorrang des privaten Profits vor sozialen Interessen. Die neoliberalen Zerstörer des Gesundheitssystems sind für die heutigen Alpträume in Europa und den USA verantwortlich. In Italien hat der neoliberale Sparkurs ein Fünftel der Intensivstationen und ein Drittel der Allgemeinmediziner zerstört. Privatkliniken haben in teure Therapien für die Reichen investiert, und das verarmte öffentliche System hat die Produktion von Hygienemasken aufgegeben. Neun Prozent der italienischen Ärzte haben sich infiziert, weil sie gezwungen waren, unter unmöglichen Bedingungen zu arbeiten. Die neoliberalen Experten schweigen jetzt, diejenigen, die das öffentliche System zerstört haben, verstecken sich, aber sie werden nach dem Ende der Pandemie wiederkommen. Sie müssen angeklagt werden, sozusagen gezwungen werden, sich zu zeigen; sie müssen so behandelt werden, wie die Faschisten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs behandelt wurden. Der Nationalstaat ist tot

AP: In den USA ist es ein absoluter Alptraum – wir haben landesweit 924.000 Krankenhausbetten, aber 2,3 Millionen Gefängnisbetten. In New York City, wo ich wohne, haben wir in den letzten 20 Jahren durch die Privatisierung des Gesundheitssektors 20.000 Krankenhausbetten verloren. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht sehr überraschend, daß viele Menschen, quer durch alle politischen Gruppierungen, zu Verehrern von Formen des autoritären Staatswesens geworden sind, weil die Regierung notwendige und strenge Lock-Down-Maßnahmen und Ausgangssperren durchgesetzt haben. Diese Gleichwertigkeit ist jedoch eine Illusion (Anm.d.Ü.: durch Privatisierung nötig gewordene Maßnahmen). Aber wie können wir dann für eine von der Bevölkerung organisierte Reaktion zur Eindämmung des Virus eintreten, ohne gleichzeitig die Macht des Staates zu stärken?

FB: Die neoliberale Aggression gegen die öffentliche Sphäre hat Kürzungen bei den öffentlichen Ausgaben, rechtsgerichtetes Gerede gegen die so genannte „große Regierung“ und so eine falsche Vorstellung provoziert: Wenn der neoliberale Kapitalismus antistaatlich ist, dann muss die soziale Opposition gegen die Sparmaßnahmen notwendigerweise prostaatlich sein. Ich glaube nicht, daß wir einen starken Staat brauchen, um auf diese oder andere Krisen zu reagieren; was wir brauchen, ist eine starke Koordinierung der sozialen Basisorganisationen – beruflich, kulturell, erzieherisch, medizinisch -, die zum konkreten Gewebe der sozialen Reproduktion werden können. Die gegenwärtige Notwendigkeit der Zentralisierung des öffentlichen Eingreifens in der Notlage ist eine administrative, technische und organisatorische Frage, die nicht durch eine Staatsformation beantwortet werden muss.

Die politische Funktion des Staates ist eine andere Sache, und ich denke, daß die politische Funktion des modernen Staates durch den gegenwärtigen Notstand nicht wiederbelebt wird. Die moderne Staatlichkeit, das Erbe der frühneuzeitlichen absoluten Monarchien, wurde von Philosophen wie Thomas Hobbes und Niccolò Machiavelli als zentrale Beschützer der Funktion der politischen Entscheidung theoretisiert. Der Begriff der Entscheidung (aus dem lateinischen dēcīdere, eine Möglichkeit unter vielen wählen) ist hier philosophisch entscheidend. Entscheidung impliziert die Fähigkeit, alle relevanten Ereignisse im sozialen Bereich zu kennen, und damit die Fähigkeit, eine vorausschauende Entscheidung durchzusetzen. Diese beiden Fähigkeiten (zu wissen und durchzusetzen) werden politischen Subjekten nicht mehr zugestanden, und wir müssen sie zurückfordern. Die ungeheure Komplexität der heutigen vernetzten Realität ist über die Möglichkeit eines erschöpfenden Wissens und einer wirksamen Durchsetzung hinausgewachsen – sie ist zentralisiert. Wir müssen also eine dezentralisierte Form politischen Handelns ins Auge fassen, eine Verbreitung der Entscheidungsfindung an die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens. Das Projekt einer neuen Souveränität des Staates, das den Kern der theoretischen Vorschläge von Menschen wie Ernesto Laclau, Jorge Aleman, Chantal Mouffe, Carlo Formenti und vielen anderen bildet, ist eine Täuschung. Der Nationalstaat ist tot, er ist durch die neoliberale Globalisierung getötet worden und kann nur in Form einer identitären, totalitären Form der Gewalt gegen die Vielfalt der Perspektiven, die zu neuen Zusammensetzungen der Arbeit gehört, wiederbelebt werden. Die Entstehung eines noch stärkeren, relegitimierten Staates ist nach der Pandemie eine gefährliche Möglichkeit: ein techno-totalitäres System der Kontrolle des Lebens und der Sprache, wie wir es bereits in China erleben.

Neuprogrammierung der sozialen Maschine

AP: Im öffentlichen Raum als Aktionsort folgte die Pandemie den antineoliberalen Aufständen in Chile, Hongkong, Irak, Libanon, Spanien und anderswo auf (von denen viele versuchen, sich fortzusetzen, und wir hoffen, daß sie nur noch zunehmen werden). Kurz gesagt, die neoliberale Ordnung wurde bereits in Frage gestellt und gegen sie organisiert (in antikapitalistischen und reaktionären Formationen). Sie fragen in Ihrem jüngsten Beitrag in Nero (auf Englisch im Verso-Blog veröffentlicht), ob diese Pandemie das Ende dieser Geschichte ist. Glauben Sie, daß sie es ist? daß die ArbeiterInnen streiken werden, obwohl sie weiter arbeiten müssen, um zu überleben? Wenn inhaftierte Gefangene krank werden und sich auflehnen und vom Staat weiter bestraft werden, nur weil sie leben wollen? Ist es Zeit für uns, neue Geschichten zu schreiben? Ich denke an Lagerarbeiter aus Amazonien, die in New York City eine erfolgreiche Arbeitsniederlegung organisierten, um gegen unsichere Arbeitsbedingungen zu protestieren, und dafür bestraft wurden. Ich denke an Krankenschwestern und andere medizinische Grenzgänger in den Vereinigten Staaten, die öffentlich die private Medizin in Frage stellen.

FB: Die globale Revolte, die in den letzten Monaten des Jahres 2019 ausbrach, war eine Art Aufbäumen des weltweiten Sozialkörpers. Die verschiedenen Rebellionen waren nicht in der Lage, eine gemeinsame Strategie zu finden – zumindest bis jetzt nicht. Das Aufbäumen führte also zu einem Zusammenbruch. Aber jetzt befinden wir uns in einer Art Lähmung, die auf den Zusammenbruch folgt. Was wir jetzt fühlen, ist die Angst vor Ansteckung, vor Langeweile und vor der Welt, die wir vorfinden werden, wenn wir wieder hinausgehen dürfen. Die Angst kann jedoch eine Voraussetzung dafür sein, den notwendigen Wandel zu katalysieren. Langeweile kann sich in kreativen Handlungswillen verwandeln, in die Neugierde auf etwas Überraschendes, in die Erwartung des Unerwarteten.

Mike Davis argumentiert, daß der globale Kapitalismus „in Ermangelung einer wirklich internationalen öffentlichen Gesundheitsinfrastruktur jetzt biologisch unhaltbar zu sein scheint“. Ich wäre radikaler: Der globale Kapitalismus ist für das menschliche Leben insgesamt nicht nachhaltig. Wir müssen unsere Phantasie und Energien in die Neuprogrammierung der sozialen Maschinerie investieren, ausgehend von der gegenwärtigen Blockade. Dieser Virus ist die Chance, auf die wir gewartet haben: der Unfall, der ein dringend notwendiges Reset der globalen Maschine ermöglicht.

AP: Ich stimme Ihnen zu, aber wir sollten uns davor hüten, in bestimmte Fallstricke des antikapitalistischen Diskurses zu tappen, da werden Sie mir sicher zustimmen. Es war lange Zeit ein Fetisch der Linken (von Trotzki bis Žižek), zu glauben, daß spezifische Katastrophen das Entstehen neuer politischer Möglichkeiten und die Entwicklung neuer Formen der Gegenmacht ermöglichen, was wahr sein kann, aber nicht etwas sein sollte, auf das wir uns bei der Vorstellung von Strategien verlassen sollten. Sie haben sehr überzeugend darüber geschrieben, wie man dieser Antizipation ausweichen kann, und denken eher viel konkreter über die Krise und das Chaos und den Lärm nach, den sie verursacht. Naomi Klein schrieb kürzlich in der Intercept, in einer weniger sektiererischen Weise als die oben genannten: „In Momenten eines katastrophalen Wandels wird das zuvor Undenkbare plötzlich Wirklichkeit. Ich möchte fragen, warum andere, langsamere Formen von Krisen (Klimakollaps, Prekarität, militärische Besetzung und weit verbreitete ethnische Säuberungen) nicht die gleichen erschütternden Auswirkungen zu haben scheinen, zumindest weltweit? Liegt es einfach an der Langsamkeit der epistemischen Gewalt? (Anm.d.Ü. Einleitung zum Begriff der Epistemischen Gewalt) Weil das Virus sowohl reiche Teile der Welt als auch die Armen treffen wird, können sich die Reichen nicht vorstellen, gegen diese spezifische Katastrophe immun zu sein? Weil sie sich mit Hilfe von Techno-Engineering keinen Ausweg aus dieser Katastrophe vorstellen können, zumindest noch nicht?

FB: Seit Jahrzehnten sind wir gezwungen, unter gefährlichen Bedingungen zu arbeiten. Der Klimawandel und die Umweltzerstörung sind nicht durch Proteste und ein weit verbreitetes Bewusstsein gestoppt worden. Der Kapitalismus schert sich einen Dreck um Proteste und um das Bewusstsein der Menschen. Aber jetzt ist es anders: Der lebende Körper der Menschheit (und der interaktive Geist) sind durch die Vorahnung des Endes etwas gelähmt worden: kurz gesagt, ein globales Trauma. Gestern waren die Bedingungen für eine Revolution vorhanden: der Untergang der Demokratie, die Arroganz der Mächtigen, grassierende Armut, gewaltsame Ausbeutung, ökologische Verwüstung und allgemein zugängliche Informationen über das, was vor sich geht. Aber, um das Invisible Committee zu zitieren: „Nicht die Gründe machen Revolutionen, sondern die Körper.“ Jetzt ist etwas Neues passiert: Die Körper sind verpflichtet, ihre wirtschaftliche Raserei zu stoppen. Nur ein Trauma kann diesen plötzlichen Stopp und diesen unvermeidlichen Richtungswechsel provozieren. Und die Pandemie ist das Trauma, das wir brauchten. Aber Trauma ist nicht genug. Ein Trauma kann auch zu sehr schlechten Entscheidungen führen (und das tut es in der Regel auch) – in diesem Fall zum Beispiel zur Errichtung eines techno-totalitären Systems zur besseren Kontrolle der Gesellschaft. Was wir jetzt also brauchen, ist eine Zeit der aktiven Vorstellungskraft, um das neu zu programmieren, was auf den Stillstand, das große Zurücksetzen der globalen Maschine folgen könnte.

##Rebellion gegen das Aussterben AP: Bei diesem Stillstand sollten wir vielleicht auf das Virus selbst hören. In der Lundi-Matin spricht ein Kommuniqué mit dem Titel „What the Virus Said“ im Namen von Covid-19. Es erklärt: „Aber vor allem hören Sie auf zu sagen, daß ich es bin, der Sie tötet. Ihr werdet nicht durch mein Handeln in eurem Gewebe sterben, sondern durch die mangelnde Fürsorge für eure Mitmenschen … Die Ehrlichsten unter euch wissen das sehr gut: Ich habe keinen anderen Komplizen als Ihre soziale Organisation, Ihre Torheit des ‚großen Maßstabs‘ und seiner Wirtschaft, Ihren fanatischen Glauben an Systeme“. Sie haben viel darüber geschrieben, wie wichtig es ist, sich mit unserem Aussterben auseinanderzusetzen, sich den Illusionen des „Aufbegehrens“ gegen das Aussterben zu verweigern. Eine Schlüsselfrage wird nun sein, wie man den Ruf und die Reaktion des vorübergehenden Katastrophensozialismus umkehren oder ersetzen kann mit der folgenden Schuldenproduktion und der erzwungenen Rückkehr eines Katastrophenkommunismus? Ich erinnere mich an einen Salvage-Podcast, indem einer der Diskussionsteilnehmer auf die Notwendigkeit hinwies, nach der Aushöhlung der Rituale durch den Kapitalismus (wie Hochzeiten, Beerdigungen, das Geschenk), diese neu zu denken und neue Rituale zu schaffen. Der Tod und unsere Reaktion auf ihn ist natürlich Teil dieser Matrix ausgehöhlter Rituale. Ich denke, daß ein großer Teil der Neuprogrammierung, von der Sie sprechen, durch die Schaffung neuer kollektiver und gemeinsamer Rituale geschehen sollte.

FB: Sich gegen die Auslöschung aufzulehnen, ist offensichtlich eine paradoxe Idee. Typischerweise mag ich solche Paradoxien, weil sie uns helfen können, schwierige Ideen zu verstehen. Aber nein, das Aussterben soll und kann nicht zurückgewiesen werden. Vielmehr muss die Furcht vor unserem bevorstehenden Aussterben in eine Bedingung für die Veränderung des Lebens verwandelt werden. Ich denke, daß die westliche Kultur krank wurde, als sie unfähig wurde, dem Tod als dem unvermeidlichen Horizont des Lebens ins Auge zu sehen. Mit dieser Denkweise wurde der Tod zu einem Zustand, den wir verleugnen, gegen den wir mit Geo-engineering vorgehen und aus dem wir uns mit Techno-engineering befreien wollen. Er wurde auch zur Strafe für unsere Sünden. Nun, die Pandemie ist auch eine Gelegenheit für eine neue kollektive Reflexion über die Sterblichkeit und über das Verhältnis des organischen Lebens zur Zeit.

AP: In Ihrem Verso-Blog-Tagebuch schreiben Sie: „Ein semiotischer Virus in der Psychosphäre hat das abstrakte Funktionieren des Systems blockiert, indem er Körper entfernt hat“. Was bleibt nun übrig, nachdem diese Körper von dem, was vom öffentlichen Raum übrig geblieben ist, weggeschlossen wurden? Was machen wir mit unseren Körpern zu Hause?

FB: Ein italienischer Psychiater hat geschrieben, daß die obligatorische Selbstabschottung mit einer psychiatrischen Zwangsinternierung verglichen werden kann. Ich würde sagen, daß alle, die zu Hause festsitzen, versuchen sollten, diese Zeit in eine freiwillige Periode psychoanalytischer Therapie umzuwandeln. Ich denke, daß dies bereits geschieht, zumindest für einen Teil der zurückgezogenen Bevölkerung. Viel mehr Menschen stellen die soziale Herrschaft in Frage, die das öffentliche System zerstört hat, und stellen sich eine völlig andere Organisation der sozialen Aktivität vor. Einige meiner Freunde sagen, daß sie sich in diesen Tagen irgendwie erleichtert fühlen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren genießen sie einen langen Urlaub. Dies ist eindeutig das Ende, wenn auch nur vorübergehend, der kapitalistischen Beschleunigung, und die Menschen können endlich ihre Zeit damit verbringen, sich um sich selbst zu kümmern und sich ihre eigene Zukunft vorzustellen.

Aber es gibt noch eine andere Seite des gegenwärtigen Zustands, die für mich enorm interessant ist: Was hat dies alles mit unserer Sichtweise des Wandels hin zum Zustand der Konnektivität durch Kommunikationssysteme zu tun? Während der letzten Jahrzehnte haben wir eine Mutation von einer verbindenden Form der Körperkommunikation (physischer Kontakt im öffentlichen Raum) zu einer konnektiven Form der rein operativen Kommunikation erlebt, die durch das Internet ermöglicht wird. Wie Sie wissen, hat die Pandemie ein soziales Umfeld geschaffen, in dem jede Verbindung verboten ist: soziale Distanzierung ist das neue Gesetz. Was wird die Wirkung dieser Verpflichtung sein? Man könnte meinen, daß der Modus der direkten Verbundenheit praktisch abgeschafft und vergessen wird und sich die sozialen Aktivitäten (Lehren, Lernen, Arbeiten usw.) auf die digitalen, konnektiven Modi verlagern werden. Aber das ist nicht sicher. Im Gegenteil, ich denke, daß die Menschen (oder ein Teil von ihnen) die Online-Konnektivität letztlich mit Krankheit identifizieren werden. Vielleicht werden die Menschen Krankheit mit den Illusionen der digitalen Konnektivität assoziieren und sich stattdessen nach Erfahrungen sehnen, die haptisch sind, geteilt werden und keine digitale Vermittlung haben. Hier müssen wir bewusst handeln: die Verpflichtung, die Alternative, die Wahrscheinlichkeit und die Möglichkeit. Alles ist für uns da.

via: enoughisenough14.org